{"id":102,"date":"2012-02-02T00:12:07","date_gmt":"2012-02-01T22:12:07","guid":{"rendered":"http:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/?p=102"},"modified":"2014-07-26T20:35:36","modified_gmt":"2014-07-26T18:35:36","slug":"wie-man-effizient-und-effektiv-cello-ubt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/wie-man-effizient-und-effektiv-cello-ubt\/","title":{"rendered":"Wie man effizient und effektiv Cello \u00fcbt"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_54\" aria-describedby=\"caption-attachment-54\" style=\"width: 645px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/IMG_0133.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-54\" src=\"http:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/IMG_0133-1024x768.jpg\" alt=\"Am \u00dcben im Hotel in Tel Aviv\" width=\"645\" height=\"483\" srcset=\"https:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/IMG_0133-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/IMG_0133-scaled-416x312.jpg 416w, https:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/IMG_0133-300x225.jpg 300w, https:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/IMG_0133-624x468.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 645px) 100vw, 645px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-54\" class=\"wp-caption-text\">Am \u00dcben im Hotel in Tel Aviv<\/figcaption><\/figure>\n<p>Seit bald 23 Jahren spiele ich Cello und irgendwann ist mir dabei klar geworden, dass \u00dcben weit mehr ist als das tausendfache Repetieren bestimmter Bewegungsabl\u00e4ufe. In diesem Artikel will ich zusammenfassen, was ich bis jetzt \u00fcber m\u00f6glichst effektives Cello\u00fcben weiss und t\u00e4glich anwende.<\/p>\n<p><strong>Rechtzeitig mit der Arbeit beginnen<\/strong><\/p>\n<p>Es bedarf wohl kaum grosser Erw\u00e4hnung, dass man nicht erst eine Woche vor dem Konzert mit dem \u00dcben eines komplexen St\u00fcckes anfangen sollte. Lieber drei Monate vorher.<\/p>\n<p><strong>Zuerst das Material einrichten<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man ein neues St\u00fcck zum \u00dcben erh\u00e4lt, ist es sehr wichtig, in einer ersten Etappe die eigene Stimme einzurichten. Das heisst, dass man das ganze St\u00fcck von Anfang bis Schluss am Cello ein erstes Mal durchliest und rhythmisch zu verstehen versucht und dabei mit m\u00f6glichst guten Fingers\u00e4tzen und Bogenstrichen versieht. Je nach Komplexit\u00e4t des Werkes kann dies 30 Minuten bis drei Tage dauern. Beim Einrichten erh\u00e4lt man ein Bild von den Schwierigkeiten, die einen in den n\u00e4chsten Wochen oder Monaten erwarten. Diese Etappe ist \u00e4usserst wichtig und erleichtert die Arbeit am St\u00fcck enorm, da man eine Basis legt, auf der man aufbauen kann. Es ist sehr wahrscheinlich und normal, dass man in den n\u00e4chsten Wochen noch einige Bogenstriche und Fingers\u00e4tze \u00e4ndert, weil man bessere L\u00f6sungen findet.<\/p>\n<p><strong>Kollegen konsultieren, Aufnahmen h\u00f6ren, Videos ansehen<\/strong><\/p>\n<p>Man sollte unbedingt Aufnahmen vom zu \u00fcbenden Werk anh\u00f6ren und Videos ansehen, um eine gute Vorstellung zu entwickeln, wie ein St\u00fcck gespielt wird. Ich denke nicht, dass dies der Entwicklung der eigenen Interpretation schadet, im Gegenteil. Bei technisch schwierigen Stellen, welche nicht besser werden wollen, kann es sich lohnen, kompetente Kollegen, die das St\u00fcck gespielt haben, um ihre Fingers\u00e4tze zu fragen und diese dann zu pr\u00fcfen.<\/p>\n<p><strong>Gehirn lernt immer, daher muss man von Anfang an alles richtig machen<\/strong><\/p>\n<p>Dies ist eine sehr wichtige Erkenntnis. So wie durch regelm\u00e4ssiges Begehen und Befahren einer Route \u00fcber eine Wiese zuerst ein Trampelpfad, dann ein Weg und schliesslich eine &#8220;unbefestigte&#8221; Strasse entsteht, geschieht das gleiche im Gehirn, wenn ich zum ersten Mal eine bestimmte Stelle spiele und sie dann immer wieder spiele. Es entsteht ein Weg oder eine Synapse (vermutlich sogar mehrere). Um bei der Analogie zu bleiben: Auf der Wiese w\u00fcrde auch ein Weg entstehen, wenn alle Leute in eine falsche Richtung gehen w\u00fcrden. Nat\u00fcrlich w\u00fcrde das niemand tun, weil man so ja nicht ans richtige Ziel kommt. Beim Cello \u00fcben ist es indes genau gleich, bloss ist es da sehr leicht, fehlerhafte Wege zu gehen, zumal an jeder Ecke Schwierigkeiten und Probleme lauern. Wenn man beim \u00dcben einer Stelle immer die gleichen Fehler macht, so werden die auch gelernt und sind sp\u00e4ter viel schwieriger auszutreiben. Daher muss man von Anfang an auf den richtigen Rhythmus, die richtige Intonation, den sch\u00f6nen Klang, die richtigen Striche und die korrekten Dynamiken und Artikulationen achten. Da dies schwierig ist und man ja schliesslich \u00fcbt, weil man nicht alles eben mal so vom Blatt perfekt spielen kann, empfiehlt es sich, Stellen sehr langsam zu \u00fcben und &#8220;in gravierenden F\u00e4llen&#8221; vor dem Spielen gar ohne Instrument zu lesen, bis der Rhythmus, die Tonh\u00f6hen und der Text verstanden sind.<\/p>\n<p><strong>Langsam \u00fcben<\/strong><\/p>\n<p>Man muss dem Gehirn die M\u00f6glichkeit geben, das Kommende zu antizipieren, sonst ist man immer zu sp\u00e4t. In einem fr\u00fchen Stadium ist dies nur in langsamen Tempi m\u00f6glich. Wenn es in einem langsamen Tempo schliesslich geht, kann man etwas schneller spielen oder kleine Ausschnitte gar im Tempo versuchen. Wenn man ungeduldig ist, besteht die Gefahr, alles zu schnell zu \u00fcben, wodurch das Gehirn nicht lernen kann, zu antizipieren. Am besten ist es, ein Metronom auf ein langsames Tempo zu stellen und laufen zu lassen.<\/p>\n<p><strong>So viel wie m\u00f6glich \u00fcben, aber auch so gut wie m\u00f6glich, Pausen machen<\/strong><\/p>\n<p>Manchmal h\u00f6re ich Leute sagen, dass man nicht viel, sondern effektiv \u00fcben muss. Wieder andere Leute \u00fcben extrem viel, vielleicht aber nicht besonders effektiv. Meine pers\u00f6nliche Meinung und Erfahrung ist, dass man beides gleichzeitig tun muss, n\u00e4mlich so viel und so effektiv wie m\u00f6glich zu \u00fcben, denn dann sind die besten Resultate zu erwarten. Allerdings muss man vorsichtig sein, dass man sich ob des vielen \u00dcbens nicht Verletzungen wie Sehnenscheidenentz\u00fcndungen oder R\u00fcckenprobleme einhandelt. Prinzipiell muss man sofort aufh\u00f6ren zu \u00fcben, wenn man Schmerzen versp\u00fcrt. Insbesondere anstrengende Stellen (z.b. mit Kr\u00e4fte zehrenden Doppelgriffen oder Streckungen) sollte man nicht zu lange am St\u00fcck \u00fcben, sonst kann es gef\u00e4hrlich werden. Auch ist es wichtig, nach sp\u00e4testens 45 Minuten eine 5-15-min\u00fctige Pause zu machen. Erstens kann die Konzentration nicht unbeschr\u00e4nkt lange aufrecht erhalten werden und zweitens kann sich der K\u00f6rper so auch ein bisschen erholen.<\/p>\n<p>Gut \u00fcbt man generell gesagt dann, wenn die Zeit schnell zu vergehen scheint. Und die Zeit vergeht vor allem dann schnell, wenn man total konzentriert ist und das Gehirn &#8220;programmiert&#8221;. &#8220;Vegetatives&#8221; Tonleitern\u00fcben mit den Kopf beim Fussballspiel von gestern ist nicht sinnvoll.<\/p>\n<p>So viel wie m\u00f6glich \u00fcben, leichter gesagt als getan, nicht? &#8230;<a title=\"5 Tipps f\u00fcr mehr Selbstdisziplin als Musiker\" href=\"http:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/5-tipps-fur-mehr-selbstdisziplin-als-musiker\/\">hier mein Artikel zum Thema Selbstdisziplin.<\/a><\/p>\n<p><strong>Gehirn immer &#8220;auf Trab halten&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Ich versuche beim \u00dcben das Gehirn immer &#8220;auf Trab&#8221; zu halten. Sobald ich merke, dass ich beim \u00dcben einer Stelle nicht weiterkomme oder die Konzentration verliere, wechsle ich zu einer anderen. Ein bisschen sp\u00e4ter komme ich wieder darauf zur\u00fcck und sehe, was ich weiter f\u00fcr die Stelle tun kann und ob etwas von der vorherigen Arbeitsphase h\u00e4ngen geblieben ist. So springe ich zwischen vielen Stellen und St\u00fccken hin und her und habe aus meiner Erfahrung den schnellsten und besten Lerneffekt.<\/p>\n<p><strong>Die Einstellung beim \u00dcben: Probleme l\u00f6sen!<\/strong><\/p>\n<p>Ich \u00fcbe, um Sachen zu lernen, die ich nicht gut kann. Das ist wirklich sehr wichtig, denn es hat keinen Sinn, immer nur die Stellen zu \u00fcben, die man schon kann. Daraus folgt, dass ich beim t\u00e4glichen \u00dcben gewisse Stellen, die mir Probleme machen, mehrmals &#8211; daf\u00fcr nicht allzu lang &#8211; bearbeite und auch w\u00e4hrend dem \u00dcben anderer St\u00fccke immer wieder kurz darauf zur\u00fcckkomme, um mein Gehirn damit zu besch\u00e4ftigen. Das geht besonders gut, wenn man die komplizierten Stellen auswendig kann, was \u00fcbrigens ein weiterer Trick ist, um schwierige Passagen besser zu meistern.<\/p>\n<p>Zur Zeit arbeite ich an drei Cellokonzerten, der Kodaly-Duo-Sonate und an verschiedenen Orchesterwerken so wie einigen anderen ber\u00fchmten Cello-Passagen, die zur Zeit oder demn\u00e4chst im LSO gespielt werden. Bei solcher Arbeitslast muss man so effizient wie m\u00f6glich werden, da sonst die Zeit nicht reicht zumal die Orchesterproben und Konzerte ja t\u00e4glich ihre Zeit beanspruchen. In allen Werken gibt es sehr schwierige, mittelschwierige und sehr leichte Stellen. Mit den leichten befasse ich mich nicht weiter sobald ich sie korrekt gelesen und einge\u00fcbt habe und sicher bin, dass ich sie kann. Die allerschwierigsten aber sind gewissermassen meine t\u00e4glichen Problemf\u00e4lle, welche ich immer im Gehirn st\u00e4ndig pr\u00e4sent zu haben versuche und mehrmals t\u00e4glich be\u00fcbe sowie auch im Bus oder auf dem Fahrrad zwischendurch mental durchgehe. Die mittelschwierigen erhalten eine Behandlung irgendwo zwischen diesen beiden Extremen.<\/p>\n<p><strong>Was schief gehen kann wird schief gehen<\/strong><\/p>\n<p>Oft ertappe ich mich dabei, dass eine schwierige Stelle nicht ganz klappt und mir dann sage, dass es mit der richtigen Konzentration im Konzert klappen wird. In so einem Fall m\u00fcssen immer alle Alarmglocken klingeln! Denn: Was beim \u00dcben nicht klappt, wird im Konzert-Stress erst recht nicht klappen.<\/p>\n<p><strong>Kein Stress &#8211; den Kopf nicht verlieren<\/strong><\/p>\n<p>Egal wie nah das Konzert ist, man muss immer gewissenhaft und rational \u00fcben und nie die Geduld verlieren. Es hat keinen Sinn, eine Woche vor dem Konzert nur noch durchzuspielen (auch wenn man das durchaus von Zeit zu Zeit einen Durchlauf machen muss!). Es ist vor allem dann eine Zeitverschwendung und kontraproduktiv, wenn noch Fehler und Ungenauigkeiten vorhanden sind, da man die dann lernt! Es ist viel besser, immer mit Konzentration und Ruhe die schwierigen Stellen &#8220;auseinanderzunehmen&#8221; und langsam zu \u00fcben, schnelle Stellen unter Tempo und in anderen Rhythmen (punktiert, anderen Gruppierungen usw.) im Gehirn &#8220;zu programmieren&#8221; und immer an den Details zu feilen. Auch die Intonation kann nie gut genug sein. Prinzipiell sollte man sich immer vergegenw\u00e4rtigen, dass noch gen\u00fcgend Zeit bleibt, die man effizient nutzen muss und man das St\u00fcck auch nicht nur f\u00fcr das Konzert n\u00e4chste Woche \u00fcbt, sondern hoffentlich noch f\u00fcr weitere Auftritte sp\u00e4ter im Leben.<\/p>\n<p><strong>Sich aufnehmen (Audio, aber auch Video)<\/strong><\/p>\n<p>Sehr sinnvoll ist es, die Durchl\u00e4ufe aufzunehmen und abzuh\u00f6ren. Es zahlt sich aus, Notizen in die Noten zu machen um sp\u00e4ter die Stellen, welche problematisch waren (Intonation, Klang, Rhythmus, Tempo, falsche Akzente etc.) effektiv zu verbessern. Oft realisiert man, dass es gar nicht so schlecht war, wie man meinte. Manchmal merkt man aber auch, dass man noch viel Arbeit hat.<\/p>\n<p><strong>Genug schlafen<\/strong><\/p>\n<p>Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass ich an einem Tag an einer Stelle sehr konzentriert arbeite und am n\u00e4chsten Tag einen Fortschritt feststelle. Dies ist, weil das Gehirn in der Nacht lernt. Genug Schlaf ist also sehr wichtig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit bald 23 Jahren spiele ich Cello und irgendwann ist mir dabei klar geworden, dass \u00dcben weit mehr ist als das tausendfache Repetieren bestimmter Bewegungsabl\u00e4ufe. In diesem Artikel will ich zusammenfassen, was ich bis jetzt \u00fcber m\u00f6glichst effektives Cello\u00fcben weiss und t\u00e4glich anwende. 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