{"id":2176,"date":"2015-08-26T23:34:50","date_gmt":"2015-08-26T21:34:50","guid":{"rendered":"http:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/?p=2176"},"modified":"2015-08-26T23:34:50","modified_gmt":"2015-08-26T21:34:50","slug":"gedanken-zum-thema-etuden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/gedanken-zum-thema-etuden\/","title":{"rendered":"Gedanken zum Thema &#8220;Et\u00fcden&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Da ich zur Zeit mitten in meinem <a href=\"http:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/das-piatti-projekt-caprice-nr-1-von-12\/\">Piatti-Projekt<\/a> stecke, befasse ich mich gedanklich oft mit dem Thema &#8220;Et\u00fcden&#8221;.<\/p>\n<p><strong>Sind Et\u00fcden notwendig?<\/strong><\/p>\n<p>Eine grunds\u00e4tzliche Frage, die sich mancher stellen mag. Ich hole ein bisschen aus: Mein erster Cellolehrer gab mir recht bald Et\u00fcden als Hausaufgabe. Aus dieser Zeit erinnere ich mich an einfachere\u00a0Et\u00fcden von\u00a0Feuillard, Dotzauer, und sp\u00e4ter auch Duport und Popper. Damals mochte ich Et\u00fcden nicht sonderlich. Ich fand sie schwierig und z\u00e4h zu spielen. Es gab eigentlich nie\u00a0eine Et\u00fcde, in der man einfach eine sch\u00f6ne Melodie spielen konnte (f\u00fcr dieses Bed\u00fcrfnis gab er mir nat\u00fcrlich zus\u00e4tzlich andere St\u00fccke zum \u00fcben). Als ich dann mit dem Studium bei einem anderen Lehrer begann, geh\u00f6rten schwierigere Et\u00fcden von Dotzauer zur Routine und sp\u00e4ter gar die\u00a0Piatti-Caprice Nr. 12. Mittlerweile konnte ich mich mit dieser &#8220;Di\u00e4t&#8221; eigentlich recht gut anfreunden, weil es mir mit dem Cello ernst geworden war. Trotzdem war ich eigentlich recht froh, als ich bei meinem n\u00e4chsten Lehrer nicht mehr mit Et\u00fcden konfrontiert wurde. Seine\u00a0Auffassung (die mir sehr gut gefiel) war, dass die nun zu \u00fcbenden Cellokonzerte und Solost\u00fccke so schwer sind, dass man auf diese Weise genug Technik macht und sich auch \u00dcbungen mit dem Material dieser St\u00fccke basteln kann. Vermutlich war meine Technik mittlerweile\u00a0aber auch dank zahlreichen Et\u00fcden bereits soweit gereift, dass ich mit diesen St\u00fccken anfangen konnte.\u00a0Somit denke ich: Ja, Et\u00fcden sind notwendig.<\/p>\n<p><strong>Technik-Konzentrat<\/strong><\/p>\n<p>Eine Et\u00fcde ist immer ein totales Technik-Konzentrat.\u00a0Das technische Material ist gewissermassen das\u00a0thematisches Material der Et\u00fcde. Wenn sich eine Et\u00fcde auf Saiten\u00fcberg\u00e4nge einschiesst, dann kann man davon ausgehen, dass es von Anfang bis Schluss Saitenwechsel \u00e0 gogo gibt. Geht es um Doppelgriffe, dann kriegt\u00a0man davon reichlich.\u00a0Sollen Lagenwechsel ge\u00fcbt werden, dann \u00a0erh\u00e4lt man eine richtige Ladung davon.\u00a0Wenn der Cellist diese Et\u00fcden also seri\u00f6s \u00fcbt, dann lernt er sehr viel dabei, weil die kontinuierliche Besch\u00e4ftigung mit den Finessen der Cellotechnik qualitativ hochwertige Automatismen erzeugt, welche danach auf Abruf in anderen St\u00fccken zur Verf\u00fcgung stehen.<br \/>\nIch finde interessant, dass bei regelm\u00e4ssiger Arbeit an Et\u00fcden\u00a0nicht selten die anderen, &#8220;normalen&#8221; St\u00fccke auf dem eigenen Notenst\u00e4nder (Sinfonien, Opern, Sonaten, Cellokonzerte usw.) angenehm entspannt zu lesen und zu spielen sind und zwar nicht, weil sie nicht schwierig w\u00e4ren sondern\u00a0einfach, weil man die Technik weiterentwickelt hat und weil die &#8220;normalen&#8221; St\u00fccke\u00a0fast nie diese Konzentration an Technikproblemen erreichen. Es ist wirklich wahr: wenn man eine Et\u00fcde zum ersten Mal liest, dann sieht man Probleme von Anfang bis Schluss. Bei einem &#8220;normalen&#8221; St\u00fcck gibt es durchaus auch Probleme aber eben auch Zeilen, die nicht so widerborstig sind, was ein gutes Gef\u00fchl ist.<\/p>\n<p><strong>Et\u00fcden gibt es in jedem Schwierigkeitsgrad<\/strong><\/p>\n<p>Weil es Et\u00fcden f\u00fcr jedes Niveau gibt, findet man f\u00fcr jeden Cellisten etwas Passendes. Viele Et\u00fcden-Autoren haben Sammlungen in verschiedenen Schwierigkeitsgraden geschrieben (z. B. Popper oder Dotzauer). Es hat nat\u00fcrlich keinen Sinn, mit den schwierigsten zu starten, wenn man noch nicht auf Hochschulniveau ist. Aber mit den einfacheren kann man loslegen und anfangen, an der Technik\u00a0zu arbeiten.<\/p>\n<p><strong>Zweifaches Ziel: Technik \u00fcben UND\u00a0Musik machen<\/strong><\/p>\n<p>Mein Ziel bei der Arbeit mit Et\u00fcden ist immer, dass es im Endeffekt nicht nach Finger\u00fcbungen klingt. Es sollte eigentlich musikalisch m\u00f6glichst interessant interpretiert werden, damit die Zuh\u00f6rer finden:\u00a0ein tolles St\u00fcck! Somit ist die Absicht, das St\u00fcck so gut zu k\u00f6nnen, dass man es in einem Konzert spielen k\u00f6nnte. Das braucht nat\u00fcrlich Zeit und ist meistens nicht in einer Woche zu schaffen.<br \/>\nWenn man indes so an die Et\u00fcden rangeht, so meine ich, dass es Spass macht.<\/p>\n<p><strong>Bringen dich auf neuen Level<\/strong><\/p>\n<p>Letztendlich bringen Et\u00fcden dich auf ein h\u00f6heres Niveau, weil die kontinuierliche Konfrontation mit den technischen Spitzfindigkeiten\u00a0des Cellospiels dazu f\u00fchrt, dass man eine nat\u00fcrliche und souver\u00e4ne Technik kriegt.<\/p>\n<p><strong>Alle richtig guten Cellisten, die ich kenne haben Piatti, Popper und Co. ge\u00fcbt<\/strong><\/p>\n<p>Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass die besten Cellisten unserer Zeit sich ausgiebig im\u00a0\u00dcben von Et\u00fcden\u00a0befleissigt haben und es zum Teil noch weiterhin intensiv tun. Jedenfalls habe ich \u00f6fters Top-Cellisten beim \u00dcben\u00a0einer mir unbekannten, extrem schwierigen Stelle ertappt und sie dann gefragt, was sie denn da eigentlich \u00fcben. Die Antwort ist nicht selten: &#8220;Das ist eine Et\u00fcde von [hier den Namen eines Et\u00fcdenkomponisten einf\u00fcgen]&#8221;. Auch in Interviews mit ber\u00fchmten Cellisten erfahre ich immer wieder Sachen wie: Im Studium musste ich meinem Lehrer jede Woche eine Popper-Et\u00fcde vorspielen&#8230;&#8221;.<br \/>\nAndere Cellisten mit guter Technik haben von Et\u00fcden gem\u00e4ss eigener Aussage genug f\u00fcr&#8217;s ganze Leben gekriegt, was aber wohl auch heisst, dass sie einen Lehrer hatten, dem Et\u00fcden sehr wichtig waren.<\/p>\n<p><strong>Mein\u00a0Traum<\/strong><\/p>\n<p>Was mich freut ist, dass ich noch nicht alle f\u00fcr Cello existierenden\u00a0Et\u00fcden ge\u00fcbt habe.\u00a0F\u00fcr mich als Optimist heisst das n\u00e4mlich, dass ich weiterhin versuchen kann, meine Technik zu verbessern. Mein ultimativer Traum w\u00e4re, dass ich eines Tages die anderen Sachen auf meinem Notenst\u00e4nder in technischer Hinsicht als\u00a0Spaziergang betrachten\u00a0kann, weil ich so viele dermassen komplizierte Et\u00fcden ge\u00fcbt haben werde, dass ich eine rasiermesserscharfe Pr\u00e4zisionstechnik haben werde, welche jedes Cellotechnik-Problem blitzschnell erfasst und automatisch bew\u00e4ltigt. Der Weg ist noch weit (und \u00fcbrigens ist der Weg auch das Ziel) aber ich kann durchblicken lassen (wie man so sch\u00f6n sagt), dass meine nun bereits bald ein Jahr andauernde Auseinandersetzung mit Piattis Capricen mir das t\u00e4gliche Brot\u00a0als Cellist bereits merklich erleichtert hat! Man sieht mit der Zeit z. B. viel schneller Fingersatzm\u00f6glichkeiten oder kann weniger vielversprechende technische L\u00f6sungsans\u00e4tze fr\u00fchzeitig erkennen und verwerfen, um nur ein Beispiel zu nennen. Und man wird einfach schneller im Lernen neuer St\u00fccke!<\/p>\n<p><strong>Was ist zu tun?<\/strong><\/p>\n<p>Wer Lust auf Et\u00fcden hat, sollte sich mit seinem Lehrer besprechen, da es wie gesagt sinnlos und frustrierend ist, sich an zu schwierigen Et\u00fcden zu versuchen. Dein Lehrer weiss am besten, was zu deinem aktuellen Niveau passt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da ich zur Zeit mitten in meinem Piatti-Projekt stecke, befasse ich mich gedanklich oft mit dem Thema &#8220;Et\u00fcden&#8221;. Sind Et\u00fcden notwendig? Eine grunds\u00e4tzliche Frage, die sich mancher stellen mag. Ich hole ein bisschen aus: Mein erster Cellolehrer gab mir recht bald Et\u00fcden als Hausaufgabe. 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