{"id":3516,"date":"2019-11-20T12:47:32","date_gmt":"2019-11-20T10:47:32","guid":{"rendered":"http:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/?p=3516"},"modified":"2019-11-20T14:48:24","modified_gmt":"2019-11-20T12:48:24","slug":"tschaikowskys-rokoko-variationen-in-fribourg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/tschaikowskys-rokoko-variationen-in-fribourg\/","title":{"rendered":"Tschaikowskys Rokoko-Variationen in Fribourg"},"content":{"rendered":"<pre><span style=\"color: #333399;\"><strong>Sonntag, 1.12.2019, 17h,\u00a0Fribourg, Aula der Universit\u00e4t<\/strong><\/span>\r\n\r\n<span style=\"color: #333399;\">Dittersdorf: Sinfonie in C-Dur \u201cDie vier Weltalter\u201d<\/span>\r\n<span style=\"color: #333399;\">Tschaikowsky: Rokoko Variationen op. 33<\/span>\r\n<span style=\"color: #333399;\">Dvorak: Sinfonie Nr. 9 in e-moll op. 95 \u201cAus der neuen Welt\u201d<\/span>\r\n\r\n<span style=\"color: #333399;\">Orchestre de la Ville et de l\u2019Universit\u00e9 de Fribourg<\/span>\r\n<span style=\"color: #333399;\">Alexandru Ianos, Dirigent<\/span>\r\n<span style=\"color: #333399;\">Sebastian Diezig, Cello<\/span><\/pre>\n<p>Da der grosse russische Romantiker Tschaikowsky kein Cellokonzert geschrieben hat, etablierten sich die &#8220;Variationen \u00fcber ein Rokoko-Thema op. 33&#8221; als das Werk der Wahl, wenn ein Orchester und ein Cello-Solist Tschaikowsky ansteuern. Zwar hat es nicht die zeitlichen Dimensionen oder die dreis\u00e4tzige Anlage und die damit verbundene Dramatik eines ausgewachsenen Instrumentalkonzerts. Aber es ist ein schmuckes Juwel im Cellorepertoire, welches das Instrument von seiner virtuosesten Seite zeigt.<\/p>\n<h4>Mozart als Vorbild<\/h4>\n<p>\u00dcber Tschaikowsky wissen wir unter anderem, dass er ein grosser Mozart-Verehrer war. Mit den Rokoko-Variationen und ihrem schlichten, eleganten, melodischen Thema und den verspielten Variationen tauchte der in Kamsko-Wotkinski Sawod geborene Grossmeister nun tief in die Stilistik seines Vorbilds ein. Die Behandlung und Instrumentierung des Orchesterparts sind Mozarts Stil durchaus \u00e4hnlich, da das Werk ohne opulentes romantisches Sinfonieorchester wie in Tschaikowskys Sinfonien oder Instrumentalkonzerten sonst \u00fcblich, auskommt. Es handelt sich bei den Rokoko-Variationen um ein Werk f\u00fcr Kammerorchester und Solocello, wobei das Orchester ein wenig wie in einem mozart&#8217;schen Violinkonzert,\u00a0&#8220;punktuell t\u00e4tig&#8221; ist.<br \/>\nDas Wissen um diese Charakteristika macht dann den Werktitel (&#8220;Rokoko-Variationen&#8221;) f\u00fcr mich umso interessanter, da ich Mozart immer als Komponist der Klassik wahrnahm (es gibt meines Wissens in der Musik keine eigentliche Rokoko-Epoche). Tschaikowsky scheint aber genau das zu tun: Er bringt Mozart mit dem Rokoko in Verbindung.<\/p>\n<h4>Fitzenhagens Schattenwurf<\/h4>\n<p>Die spannendste Sache im Zusammenhang mit diesem Variationswerk f\u00fcr Solocello ist derweil die unglaubliche Geschichte, die ihm widerfuhr. Seine Rokoko-Variationen wiedmete Tschaikowsky n\u00e4mlich einem Kollegen am Moskauer Konservatorium, dem bekannten deutschen Cellisten Wilhelm Fitzenhagen. Fitzenhagen gab am 30. November 1877 in der russischen Kapitale denn auch die Urauff\u00fchrung dieser neuen Komposition. Indes soll es das einzige Mal gewesen sein, dass Tschaikowsky sein St\u00fcck im von ihm intendierten Urtext geh\u00f6rt hat. Als Widmungstr\u00e4ger der Rokoko-Variationen kam Fitzenhagen ja die Aufgabe zu, dem Komponisten \u00dcberarbeitungsvorschl\u00e4ge zu unterbreiten. In dieser Verantwortung ging der Cellist dann aber dreisterweise entschieden weiter als vorgesehen und sendete dem Verlagshaus eine v\u00f6llig umgestaltete Version des Werks zu, wobei er sich auf die angebliche Erlaubnis des Komponisten st\u00fctzte. Er strich eine Variation ganz raus und \u00e4nderte die Reihenfolge der \u00fcbrigen. Andere Stellen schrieb er massiv um, so dass das Werk im Endeffekt nicht mehr dasselbe war.<\/p>\n<p>Anatoliy Brandukov, ein Student Fitzenhagens, \u00fcberlieferte f\u00fcr die Nachwelt, wie Tschaikowsky mit dieser Situation umgegangen sein soll: &#8220;Bei einem meiner Besuche fand ich Pyotr Ilyich Tschaikowsky w\u00fctend vor, er sah aus als w\u00e4re er krank. Als ich in fragte, was los war, zeigte er auf seinen Schreibtisch und sagte: &#8216;Fitzenhagen war da, sehen Sie, was er mit meiner Komposition gemacht hat &#8211; er hat alles ver\u00e4ndert!&#8217; Als ich fragte, was er in dieser Angelegenheit zu tun gedachte, antwortete Tschaikowsky: &#8216;Hol&#8217;s der Teufel! Soll es so stehen bleiben, wie es ist!'&#8221;<\/p>\n<p>Und so etablierte sich die -zugegebenermassen- sehr effektvolle Fitzenhagen-Version der Rokoko-Variationen im Konzertbetrieb. Erst seit vielleicht 15-20 Jahren ist eine eigentliche Wiederentdeckung der Originalversion im Gange. Doch die Fitzenhagen-Version h\u00e4lt sich hartn\u00e4ckig, denn Solisten und Orchester sind Gewohnheitstiere. So erklingt am 1.12.2019 auch in Fribourg die Fitzenhagen-Version.<\/p>\n<p>Ich kann mir vorstellen, dass man eines Tages dazu \u00fcbergehen wird, in den Programmheften Tschaikowsky-Fitzenhagen zu schreiben, so wie man etwa Ravel-Mussorgsky oder Bach-Busoni spielt. Andererseits scheint Tschaikowsky, wenn man Brandukov glauben darf, die Fitzenhagen-Version bewilligt oder zumindest gebilligt zu haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonntag, 1.12.2019, 17h,\u00a0Fribourg, Aula der Universit\u00e4t Dittersdorf: Sinfonie in C-Dur \u201cDie vier Weltalter\u201d Tschaikowsky: Rokoko Variationen op. 33 Dvorak: Sinfonie Nr. 9 in e-moll op. 95 \u201cAus der neuen Welt\u201d Orchestre de la Ville et de l\u2019Universit\u00e9 de Fribourg Alexandru Ianos, Dirigent Sebastian Diezig, Cello Da der grosse russische Romantiker Tschaikowsky kein Cellokonzert geschrieben hat, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3523,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[451,468,469,77,75,467,452,81],"class_list":["post-3516","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-sebastian-diezigs-news","tag-alexandru-ianos","tag-aula-de-luniversite","tag-fitzenhagen","tag-fribourg","tag-mozart","tag-ovuf","tag-rokoko-variationen","tag-tschaikowsky"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/image-1.png","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3516","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3516"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3516\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3533,"href":"https:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3516\/revisions\/3533"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3523"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3516"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3516"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sebastiandiezig.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3516"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}