Cello-Technik

Gedanken zum Thema “Etüden”

Da ich zur Zeit mitten in meinem Piatti-Projekt stecke, befasse ich mich gedanklich oft mit dem Thema “Etüden”.

Sind Etüden notwendig?

Eine grundsätzliche Frage, die sich mancher stellen mag. Ich hole ein bisschen aus: Mein erster Cellolehrer gab mir recht bald Etüden als Hausaufgabe. Aus dieser Zeit erinnere ich mich an einfachere Etüden von Feuillard, Dotzauer, und später auch Duport und Popper. Damals mochte ich Etüden nicht sonderlich. Ich fand sie schwierig und zäh zu spielen. Es gab eigentlich nie eine Etüde, in der man einfach eine schöne Melodie spielen konnte (für dieses Bedürfnis gab er mir natürlich zusätzlich andere Stücke zum üben). Als ich dann mit dem Studium bei einem anderen Lehrer begann, gehörten schwierigere Etüden von Dotzauer zur Routine und später gar die Piatti-Caprice Nr. 12. Mittlerweile konnte ich mich mit dieser “Diät” eigentlich recht gut anfreunden, weil es mir mit dem Cello ernst geworden war. Trotzdem war ich eigentlich recht froh, als ich bei meinem nächsten Lehrer nicht mehr mit Etüden konfrontiert wurde. Seine Auffassung (die mir sehr gut gefiel) war, dass die nun zu übenden Cellokonzerte und Solostücke so schwer sind, dass man auf diese Weise genug Technik macht und sich auch Übungen mit dem Material dieser Stücke basteln kann. Vermutlich war meine Technik mittlerweile aber auch dank zahlreichen Etüden bereits soweit gereift, dass ich mit diesen Stücken anfangen konnte. Somit denke ich: Ja, Etüden sind notwendig.

Technik-Konzentrat

Eine Etüde ist immer ein totales Technik-Konzentrat. Das technische Material ist gewissermassen das thematisches Material der Etüde. Wenn sich eine Etüde auf Saitenübergänge einschiesst, dann kann man davon ausgehen, dass es von Anfang bis Schluss Saitenwechsel à gogo gibt. Geht es um Doppelgriffe, dann kriegt man davon reichlich. Sollen Lagenwechsel geübt werden, dann  erhält man eine richtige Ladung davon. Wenn der Cellist diese Etüden also seriös übt, dann lernt er sehr viel dabei, weil die kontinuierliche Beschäftigung mit den Finessen der Cellotechnik qualitativ hochwertige Automatismen erzeugt, welche danach auf Abruf in anderen Stücken zur Verfügung stehen.
Ich finde interessant, dass bei regelmässiger Arbeit an Etüden nicht selten die anderen, “normalen” Stücke auf dem eigenen Notenständer (Sinfonien, Opern, Sonaten, Cellokonzerte usw.) angenehm entspannt zu lesen und zu spielen sind und zwar nicht, weil sie nicht schwierig wären sondern einfach, weil man die Technik weiterentwickelt hat und weil die “normalen” Stücke fast nie diese Konzentration an Technikproblemen erreichen. Es ist wirklich wahr: wenn man eine Etüde zum ersten Mal liest, dann sieht man Probleme von Anfang bis Schluss. Bei einem “normalen” Stück gibt es durchaus auch Probleme aber eben auch Zeilen, die nicht so widerborstig sind, was ein gutes Gefühl ist.

Etüden gibt es in jedem Schwierigkeitsgrad

Weil es Etüden für jedes Niveau gibt, findet man für jeden Cellisten etwas Passendes. Viele Etüden-Autoren haben Sammlungen in verschiedenen Schwierigkeitsgraden geschrieben (z. B. Popper oder Dotzauer). Es hat natürlich keinen Sinn, mit den schwierigsten zu starten, wenn man noch nicht auf Hochschulniveau ist. Aber mit den einfacheren kann man loslegen und anfangen, an der Technik zu arbeiten.

Zweifaches Ziel: Technik üben UND Musik machen

Mein Ziel bei der Arbeit mit Etüden ist immer, dass es im Endeffekt nicht nach Fingerübungen klingt. Es sollte eigentlich musikalisch möglichst interessant interpretiert werden, damit die Zuhörer finden: ein tolles Stück! Somit ist die Absicht, das Stück so gut zu können, dass man es in einem Konzert spielen könnte. Das braucht natürlich Zeit und ist meistens nicht in einer Woche zu schaffen.
Wenn man indes so an die Etüden rangeht, so meine ich, dass es Spass macht.

Bringen dich auf neuen Level

Letztendlich bringen Etüden dich auf ein höheres Niveau, weil die kontinuierliche Konfrontation mit den technischen Spitzfindigkeiten des Cellospiels dazu führt, dass man eine natürliche und souveräne Technik kriegt.

Alle richtig guten Cellisten, die ich kenne haben Piatti, Popper und Co. geübt

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass die besten Cellisten unserer Zeit sich ausgiebig im Üben von Etüden befleissigt haben und es zum Teil noch weiterhin intensiv tun. Jedenfalls habe ich öfters Top-Cellisten beim Üben einer mir unbekannten, extrem schwierigen Stelle ertappt und sie dann gefragt, was sie denn da eigentlich üben. Die Antwort ist nicht selten: “Das ist eine Etüde von [hier den Namen eines Etüdenkomponisten einfügen]”. Auch in Interviews mit berühmten Cellisten erfahre ich immer wieder Sachen wie: Im Studium musste ich meinem Lehrer jede Woche eine Popper-Etüde vorspielen…”.
Andere Cellisten mit guter Technik haben von Etüden gemäss eigener Aussage genug für’s ganze Leben gekriegt, was aber wohl auch heisst, dass sie einen Lehrer hatten, dem Etüden sehr wichtig waren.

Mein Traum

Was mich freut ist, dass ich noch nicht alle für Cello existierenden Etüden geübt habe. Für mich als Optimist heisst das nämlich, dass ich weiterhin versuchen kann, meine Technik zu verbessern. Mein ultimativer Traum wäre, dass ich eines Tages die anderen Sachen auf meinem Notenständer in technischer Hinsicht als Spaziergang betrachten kann, weil ich so viele dermassen komplizierte Etüden geübt haben werde, dass ich eine rasiermesserscharfe Präzisionstechnik haben werde, welche jedes Cellotechnik-Problem blitzschnell erfasst und automatisch bewältigt. Der Weg ist noch weit (und übrigens ist der Weg auch das Ziel) aber ich kann durchblicken lassen (wie man so schön sagt), dass meine nun bereits bald ein Jahr andauernde Auseinandersetzung mit Piattis Capricen mir das tägliche Brot als Cellist bereits merklich erleichtert hat! Man sieht mit der Zeit z. B. viel schneller Fingersatzmöglichkeiten oder kann weniger vielversprechende technische Lösungsansätze frühzeitig erkennen und verwerfen, um nur ein Beispiel zu nennen. Und man wird einfach schneller im Lernen neuer Stücke!

Was ist zu tun?

Wer Lust auf Etüden hat, sollte sich mit seinem Lehrer besprechen, da es wie gesagt sinnlos und frustrierend ist, sich an zu schwierigen Etüden zu versuchen. Dein Lehrer weiss am besten, was zu deinem aktuellen Niveau passt.

 

Tipps für eine gesunde Körperhaltung beim Cellospielen

Die Wirbelsäule nützt sich unweigerlich ab. Mit Fehlhaltungen jedoch noch viel schneller. Das einzige Gute daran: Je älter man wird, desto schneller kann man Fehlhaltungen bemerken, weil man nicht mehr eine so ausdauernde und belastbare Wirbelsäule hat wie anno dazumals. Will heissen: Gute und schlechte Haltungen lassen sich nach ein paar Stunden üben recht klar von einander trennen, weil die gute Haltung schmerzfreies Weiterspielen erlaubt und die schlechte irgendwann in die Wirbel fährt. So ist es jedenfalls bei mir.

Grundsätzlich soll man beim Cellospielen bequem sitzen. Das heisst, dass erstens der Stuhl die richtige Höhe haben muss, was je nach Körpergrösse und individueller Beinlänge anders ist. Zweitens sollte man dann mit angenehmer, von vorne oder von hinten gesehen symmetrischer Körperhaltung darauf sitzen. Ein Cellolehrer von mir meinte immer, dass man zuerst mal ohne Cello auf den Stuhl sitzen sollte als ob man fernsehen würde. Er meinte damit nicht eine Couchpotato-Haltung sondern eher ein bequemes, aufrechtes, symmetrisches Sitzen. Erst dann kommt das Cello dazu, ohne dass man die ursrpüngliche Haltung ändern müsste. Ich habe mir übrigens einen guten Orchesterstuhl gekauft. Jedoch sollte man da nicht blind kaufen, da die Stuhlbeinlänge eine grosse Rolle spielt. Probesitzen ist zu empfehlen. Ich konnte das im Orchester gut tun, da dort in den verschiedenen Spielstätten und Probelokalen unterschiedliche Modelle zum Einsatz kommen. Beim Cellospielen sitze ich nicht auf der Stuhlkante, wie das einige Musikkritiker gerne beobachten würden, sondern bequem hinten auf der Sitzfläche, um so die Rückenlehne nutzen zu können. Bei den tausenden von Stunden, welche ich jährlich hinter dem Cello sitze, bin ich so wohler.

Will man selber am Cello eine gute Haltung erreichen (und jeder Cellist sollte das tun), so empfiehlt es sich, vor einem grossen Spiegel zu üben oder -fast noch besser- sich mit einer auf einem Stativ montierten Videokamera von vorne, von der Seite und von hinten beim Spielen aufzuzeichen.

Eine abschliessende Bemerkung, bevor wir hier ein paar typische Fehlhaltungen untersuchen: Lass dich nicht vom Solisten Soundso beeindrucken, weil er irgendwie völlig geknickt und gebückt auf seinem Cello rumsäbelt. Nur weil er das macht ist es noch lange nicht gesund und es ist übrigens wirklich bemerkenswert, wieviele junge Solisten ungesunde Haltungen haben. Längst nicht alle aber wie gesagt: Lieber auf den eigenen gesunden Menschenverstand vertrauen als blind einen berühmten Musiker nachzuahmen.

Wenn der Stachel lange genug ist, sind die Wirbel höher. Dadurch hat man mehr Platz für den Nacken. Auch ist das Cello flacher, was noch mehr Platz für den Nacken schafft. Das positive Resultat: Man kann den Rücken und den Nacken gerade halten, was für die Gesundheit des Rückens wichtig ist.

Gute Haltung: Wenn der Stachel lange genug ist, sind die Schnecke des Cellos und vor allem die Wirbel zum Stimmen höher. Dadurch hat man mehr Platz für den Nacken. Auch ist das Cello flacher, was noch mehr Platz für den Nacken schafft. Das positive Resultat: Man kann aufrecht sitzen und den Nacken gerade halten, was für die Gesundheit der Wirbelsäule wichtig ist.

Ist der Stachel zu kurz, so wird das Cello steiler und sitzt tiefer, was zu Folge hat, dass einem die Wirbel im Nacken sitzen und man keinen Platz für eine aufrechte Haltung hat.

Schlechte Haltung: Ist der Stachel zu kurz, so wird das Cello steiler und sitzt tiefer, was zu Folge hat, dass einem die Wirbel im Nacken sitzen und man keinen Platz für den Kopf und somit für eine aufrechte Haltung hat.

Der Notenständer hat eine gute Höhe, was problemloses Lesen ohne ungesundes Vorbeugen des Rückens ermöglicht. Die Stachellänge ist auch gut, deswegen hat der Cellist auch Platz für seinen Kopf weswegen der Nacken gerade ist, was auch zur gesunden Haltung in diesem Bild beiträgt.

Gute Haltung: Der Notenständer hat eine gute Höhe, was problemloses Lesen ohne ungesundes Vorbeugen des Rückens ermöglicht. Die Stachellänge ist auch gut, deswegen hat der Cellist auch Platz für seinen Kopf weswegen der Nacken gerade ist, was auch zur gesunden Haltung in diesem Bild beiträgt.

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Schlechte Haltung: Die Stachellänge wäre an sich gut, aber der Notenständer ist tief und vermutlich bräuchte der Cellist auf dem Bild auch eine Brille. Jedenfalls nähert er sich mit dem Kopf dem Notenständer um besser lesen zu können. In der Folge ist seine Haltung ungesund. Der Cellist sollte möglichst aufrecht sitzen und nicht gebückt wie hier gezeigt.

Gute Haltung: Der Cellist sitzt gerade und das Cello ist leicht zur Seite geneigt. So sollte es sein, denn dadurch hat der Kopf Platz neben den Wirbeln, ohne dass man von einer gesunden Haltung abweichen müsste.

Gute Haltung: Der Cellist sitzt gerade und das Cello ist leicht zur Seite geneigt. So sollte es sein, denn dadurch hat der Kopf Platz neben den Wirbeln, ohne dass man eine ungesunde (schiefe) Haltung einnehmen müsste.

Schlechte Haltung: Das Cello ist hier gerade und der Cellist schief. Das ist genau verkehrt, denn für den Rücken ist das nicht gut wohingegen es dem Cello nichts macht, stundenlang schief zu stehen.

Schlechte Haltung: Das Cello ist hier gerade und der Cellist schief. Das ist genau verkehrt, denn für den Rücken ist das nicht gut wohingegen es dem Cello nichts machen würde, stundenlang schief zu stehen.

Schlechte Haltung: Der Cellist im Bild versucht lauter zu spielen, indem er den Ellbogen und gar die ganze Schulter beim Drücken anhebt. Dadurch kommt die Wirbelsäule in eine ungesunde Schieflache. Man muss lernen, Kraft anzuwenden, ohne dass die ganze Haltung aus dem Lot kommt.

Schlechte Haltung: Der Cellist im Bild versucht lauter zu spielen, indem er den Ellbogen und gar die ganze Schulter beim Drücken anhebt. Dadurch kommt die Wirbelsäule in eine ungesunde Schieflache. Man muss lernen, Kraft anzuwenden, ohne dass die ganze Haltung aus dem Lot kommt.

Gute Haltung: Dieser Cellist sitzt gerade und hat auch beide Schultern in einer gesunden horizontalen Lage.

Gute Haltung: Dieser Cellist sitzt gerade und hat auch beide Schultern in einer gesunden horizontalen Lage. Richtigerweise hat er das Cello ein bisschen zur Seite geneigt, was im dabei hilft, selber gerade zu sitzen.

Schlechte Haltung: Dieser Cellist hat das Cello gerade und den eigenen Oberkörper schief. Das ist nicht gut für den Rücken. Genau umgekehrt muss man es machen: Das Cello schief und den Rücken gerade.

Schlechte Haltung: Dieser Cellist hat das Cello gerade und den eigenen Oberkörper schief. Das ist nicht gut für den Rücken. Genau umgekehrt muss man es machen: Das Cello schief und den Rücken gerade.

Schlechte Haltung: Schulter und Ellbogen sind zu hoch, dadurch gelangt die Wirbelsäule in eine ungesunde Schieflache.

Schlechte Haltung: Schulter und Ellbogen sind zu hoch, dadurch gelangt die Wirbelsäule in eine ungesunde Schieflache.

 

Sich selber aufnehmen

8 Tipps, mit denen man auf dem Instrument fit bleibt

Sich selber aufnehmen

Sich selber aufnehmen

Nach dem Studium sind die meisten Musiker topfit auf dem eigenen Instrument. Danach kommt das “wirkliche” Leben mit all seinen Pflichten und Verlockungen und es wird schwieriger, die Topform zu halten, geschweige denn, sich weiterhin zu verbessern. Und trotzdem gibt es Musiker, die bis zum Karriereende schön spielen und sogar kontinuierlich Fortschritte machen. Ich denke, dass es sehr viel mit Disziplin und Leidenschaft zu tun. Hier eine kurze Checkliste, wie man es auch selber schaffen könnte.

1. Wer rastet, rostet: Es geht nicht ohne üben.
Für Musiker ist Stillstand leider wirklich gleichbedeutend mit Rückschritt. All die Reflexe, Automatismen, hochpräzisen Handgriffe und Abläufe, die wir in zehntausenden von Stunden programmiert haben, verschwinden mit der Zeit, wenn wir sie nicht täglich intensiv repetieren und weiterentwickeln. Auch wenn der Ausreden viele sind: Jeden Tag muss man die Zeit finden, um im stillen Kämmerchen zu üben. Ein Musiker ist wie ein Spitzenathlet: Bestleistungen sind ohne Training unmöglich, Talent hin oder her.

2. Maintenance vs. Fortschritte machen
Wenn man immer die gleichen Stücke übt, so betreibt man Repertoire-Pflege. Man sorgt dafür, dass ebendiese Stücke funktionieren. Das ist so weit nicht falsch. Will man aber Fortschritte machen, so muss man neues Repertoire erlernen, v.a. Werke, welche einen herausfordern und an die Grenzen des eigenen Könnens bringen.

3. Die tägliche Dosis Basics

  • Tonleitern in all ihren Variationen und Gestalten helfen, eine gute Intonation zu behalten.
  • Zwischendurch mit Metronom zu üben sorgt dafür, dass man für die Kollegen nicht zum Rhythmus- und Temposchreck wird.
  • Komplizierte Etüden entwickeln die Technik weiter.

4. Sich selber aufnehmen
Nimm dich auf und werde dein schärfster Kritiker. Wenn dir andere zuhören sollen, dann ist es das gut, dass du dir selber auch zuhörst. Es ist vermutlich eine der wirksamsten Massnahmen zur Verbesserung des eigenen Spiels.

5. Aufnahmen hören, Videos sehen
Guten Musikern zuzuhören und zuzusehen motiviert und inspiriert. Man bleibt auch immer à jour über die aktuellen Tendenzen und Moden in der Interpretation der Musik.

6. Konzerte besuchen
Aufnahmen sind super, aber geben nicht das realistische Klangbild wieder, da die Balance normalerweise künstlich verbessert worden ist. In Konzerten ist das besser. Es lohnt sich daher, sich eine Eintrittskarte zu leisten, wenn ein grosser Musiker in deiner Stadt gastiert.

7. Herausfordernde Projekte anpacken
Ich persönlich übe nur dann wirklich gut und viel, wenn ich Konzerte anstehen habe. Noch besser, wenn das Repertoire herausfordernd ist. Vermutlich ist das bei den meisten Musikern so.

8. Ein Wort zur körperlichen Gesundheit
Das Spielen auf dem Instrument erfordert eine gewisse körperliche Gesundheit. Gesundheitsfördernder Sport (ohne es zu übertreiben) schadet daher sicher nicht. Des weiteren sollte sich jeder Gedanken zum Gehörschutz machen, da ohne gute Ohren der Job viel schwieriger wird. Und letztlich: viel üben ist gut. Aber gerade als Orchestermusiker muss man da eine gute Balance finden, zumal die Orchesterdienste auch anstrengend sind. Niemand möchte sich mit Sehnenscheidenentzündungen herumschlagen. Man sollte nie an die Schmerzgrenze gehen. Hat man z. B. 12 Orchesterdienste in einer Woche, so wäre es schlecht, dazu noch täglich 3 Stunden selber zu üben. Eine Stunde pro Tag ist in so einer Woche wohl schon das Maximum. In einer Woche mit nur drei Diensten ist es natürlich ganz anders und man kann viel üben.

 

blattspielen

Wie man besser vom Blatt spielt

blattspielen

Weil ich als Kind alle Stücke nach Gehör lernte, konnte ich lange kaum Noten lesen. Erst mit dem Beginn des Studiums lernte ich im Gehörbildungsunterricht die Grundlagen. Lange Zeit blieb aber Noten lesen meine grosse Schwäche. Als ich dann anfing im Orchester zu arbeiten, konnte ich “first-hand” gewisse Kollegen mit phänomenalen Blattspiel-Fähigkeiten beobachten. Bald realisierte ich, dass es ungemein nützlich ist, wenn man Musik auf hohem Niveau vom Blatt spielen kann. Ich beschloss also, mich in dieser Disziplin zu verbessern. Noch bin ich nicht auf einem absoluten Spitzen-Level und vielleicht werde ich es nie sein, zumal man im Blattspiel schwerlich jemals genug gut sein. Aber seit ich vor ca. sechs Monaten mit täglichem Prima-Vista-Training begonnen habe, habe ich bereits viel gelernt.

Warum ist es erstrebenswert, ein guter Blattspieler zu sein?

1. Zeitersparnis: Früher musste ich alles mühsam entziffern, vor ich mit dem Üben anfangen konnte. Jetzt kann ich direkt anfangen zu Üben, weil ich Rhythmen, Tonhöhen, Dynamiken usw. viel schneller erkenne. Viele Stellen und manchmal auch ganze Sätze muss ich gar nicht mehr üben, weil sie nicht schwierig genug sind.

2. Blattspieler können sich auf das Wesentliche konzentrieren: Zwar gibt es Leute, die das Gegenteil behaupten. Für mich aber ist klar, dass ein Musiker, der den Notentext in seiner Gesamtheit blitzschnell erfassen kann, sich viel schneller mit den Feinheiten des Musikmachens auseinandersetzen kann als jemand, der alles zuerst mit Mühe entziffern muss. Gute Blattspieler können Musik fliessend lesen etwa so wie du und ich den Text dieses Artikels fliessend vorlesen könnten. Auch verstehen Sie die Rhythmen der anderen Stimmen schneller und können sich daher leichter ins musikalische Geschehen einordnen und z. B. auch ohne Schwierigkeiten Stichnoten in die eigene Stimme einschreiben. Mir scheint, dass sie ganz allgemein die besseren Reflexe im Zusammenspiel mit anderen Musikern haben.

3. Den Dirigenten oder die Mitmusiker besser beobachten: Weil Sie die Fähigkeit haben, vorauszulesen, können Musiker mit guten Primavista-Fähigkeiten den Dirigenten im Blick behalten, ohne den Faden zu verlieren.

4. Es macht Spass und ist ein gutes Gehirnjogging: Blattspielen ist meiner Meinung nach eine der faszinierendsten Fähigkeiten, die ein Musiker haben kann. Die Zeit vergeht wie im Fluge – ich vermute, dass sehr viele Gehirnareale gleichzeitig beansprucht werden und zusammenarbeiten.

Wie man seine Blattspiel-Fähigkeiten verbessern kann

1. Jeden Tag ein paar Seiten aus unbekanntem Notenmaterial lesen. Auf imslp.org gibt es Material in Hülle und Fülle. Man sollte mit einfachen Sachen anfangen (z. B. Cellostimmen aus Mozart- oder Haydn-Quartetten und Sinfonien). Mit der Zeit kann man dann progressiv zu immer schwierigeren Komponisten und Werken vorstossen.

2. Ein Tempo wählen, in welchem man es schaffen kann. Es macht wenig Sinn, etwas sehr schnell, aber schlecht zu spielen. Viel schlauer ist es, langsam aber korrekt zu lesen. Ein Metronom kann helfen, hier die nötige Geduld und Disziplin zu haben.

3. Noten überfliegen. Vor man anfängt zu lesen, kann man kurz das Stück überfliegen um sich die Tonarten und komplizierte Rhythmen zu merken.

4. Fake it until you make it. Wenn eine Stelle ab Blatt unspielbar ist, sollte man sie “faken” (deutsch: fälschen). Bei einem Lauf beispielsweise sind immer der erste und letzte Ton sehr wichtig und sollten gespielt werden. Was dazwischen passiert ist nicht so wichtig – es kann sogar ein geschickt ausgeführtes Glissando sein. Bei komplizierten Stellen muss man auch oft vereinfachen und nur die wichtigen Töne bringen so dass es ungefähr richtig klingt. Besonders beim Lesen in einem Ensemble oder einem Orchester ist “faken” häufig der einzige Weg, eine Stelle im richtigen Tempo zu spielen. Versucht man stattdessen alle Töne zu spielen, so kann man leicht ein “Bremsklotz” für die anderen Musiker sein.

5. Der Puls ist die oberste Priorität: Egal was geschieht, man sollte immer das Tempo behalten und den Puls der Musik einhalten. Dies, weil man beim Spielen in einem Ensemble nicht einfach mal einen Takt überspringen darf.

6. Mit den Augen immer voraus lesen: Der Blick sollte beim Lesen immer auf die kommenden Takte gerichtet sein, sonst ist man zu spät. Diese Fähigkeit entwickelt sich mit der Zeit von selbst, sofern man oft vom Blatt spielt. Anfänglich muss man dazu wie bereits erwähnt in einem langsamen Tempo lesen.

7. Schönen Ton und gute Intonation anstreben: Man sollte es dem musikalischen Resultat wenn möglich nicht anhören, wenn jemand vom Blatt spielt.

8. Fehler später untersuchen. Das oberste Ziel ist immer Musizieren ohne Unterbruch, da dies in der Praxis wichtig ist. Bemerkt man Fehler, kann man die anschliessend kurz anschauen und üben.

Was man sonst braucht:

1. Fitness auf dem Instrument: Ich bin überzeugt, dass wirklich souverän und überzeugend vom Blatt nur spielen kann, wer sowohl in der linken als auch in der rechten Hand eine sehr sichere Technik hat. Da es beim Blattlesen immer sehr schnell geht, muss die Geographie des Griffbrettes verinnerlicht sein. Auch die Reflexe für den Klang (Bogeneinteilung, Bogengeschwindigkeit, Vibrato usw.) müssen sehr gut sein, da keine Zeit für ein Einrichten der Stimme da ist. Deswegen sollte man weiterhin tagtäglich seine Tonleitern und Arpeggien üben sowie an Etüden und den grossen Werken des Repertoires arbeiten.

2. Geduld und Ausdauer: Die Entwicklung guter Prima-Vista-Fähigkeiten ist nicht über Nacht zu schaffen. Wie beim Cellospielen selber braucht auch das Blattlesen jahrelange, tägliche Übung.

cellotechnik

Arbeite jeden Tag an deiner Technik

cellotechnik

Zusammen mit guten Blattspiel-Fähigkeiten gehört eine solide Technik zum Inventar jedes Musikers. Beides erleichtert die Arbeit ungemein und führt dazu, dass man in der gleichen Zeit mehr erreichen kann und somit mehr Aufträge annehmen kann. Zum Blattspielen habe ich bereits früher ein paar Tipps gegeben, weshalb ich hier von der Entwicklung der Technik schreiben will.

1. Tonleitern

Der beste Weg, die eigene Technik zu verbessern führt über Tonleitern. Tonleitern helfen, die Geografie des Griffbrettes besser zu verstehen und zu verinnerlichen, so dass man beim Üben und Blattlesen ohne viel Federlesens die idealen Fingersätze findet. Jemand, der täglich seine Ration Tonleitern bezieht, hat überdies normalerweise auch weniger Schwierigkeiten mit Intonation.

Besorge dir daher ein gutes Buch mit allen möglichen Tonleitern (z. B. Carl Flesch, arrangiert von Wolfgang Boettcher). Ich selber übe jeweils eine Woche lang in der gleichen Tonart, bevor ich zur nächsten wechsle.

Dabei mache ich täglich in 15-20min alle folgende Tonleitern:

  • Einfache Tonleiter über 4 Oktaven
  • Arpeggios über 3 Oktaven
  • einfache Tonleiter im “Zickzack”* über 3-4 Oktaven
  • Chromatische Tonleiter über 3 Okaven
  • Terzen normal und im “Zickzack”
  • Sexten normal und im “Zickzack”
  • Oktaven einfach
  • Oktaven arpeggiert
  • Oktaven im “Zickzack”
  • Dezimen in der Daumenlage

(* Beispiel einer Tonabfolge im Zickzack: C-E-D-F-E-G-F-A usw. sowie umgekehrt.)

Wichtig ist meiner Meinung nach, auf tadellose Intonation und schönen, kräftigen Klang zu achten. Es schadet auch nicht, sich ab und zu aufzunehmen, um die Genauigkeit unabhängiger zu überprüfen.

2. Etüden

Zusätzlich zur täglichen Tonleiternpraxis zahlt es sich aus, 15-20 Minuten täglich an einer Etüde zu arbeiten. Etüden bieten die Möglichkeit, auf kompaktem Raum ein bestimmtes technisches Problem vertieft zu studieren. Dies hilft auch, bei kniffligen Fällen im Orchester (heikles Solo, technisch komplexe Passage, Blattspiel etc.) oder in Kammermusik und Solo-Literatur ein solides Rüstzeug im Gepäck zu haben.

An einer Etüde arbeite ich solange, bis ich zufrieden bin (je nach Schwierigkeit 1-4 Wochen, in Ausnahmefällen auch länger). Etüden, die ich gut finde sind die von Duport, Popper (High School) und Piatti (Capricen), aber es gibt bestimmt noch viele andere interessante Hefte. Ich empfehle Etüden so zu wählen, dass man an den eigenen Schwächen arbeitet (z. B. Daumenlage, Oktaven, Terzen/Sexten, künstliche Flageolette, Stricharten etc.). Auch bei Etüden sollte man immer eine musikalische Interpretation anstreben und sich aufnehmen. Ich würde immer eine Etüde wählen, die etwas über meinen aktuellen Fertigkeiten liegt, damit ich Fortschritte mache. Ist eine Etüde nämlich zu leicht, so lernt man wenig dabei.

 

8 Zeit sparende Techniken für alle Musiker

1. Gut vom Blatt spielen: Seit ich im Orchester drei Jahre neben einem Kollegen gesessen habe, der alles, was im Orchester auf dem Programm stand auf sehr genügendem Niveau vom Blatt spielen konnte, arbeite ich jeden Tag an meinen eigenen Prima-Vista-Fähigkeiten. Täglich lese ich ein paar Seiten aus mir unbekannten kammermusikalischen oder sinfonischen Werken, welche ich aus dem Internet beziehe (imslp.org). Mittlerweile lese ich bereits deutlich besser vom Blatt. Vermutlich werde ich noch einige Jahre täglicher Übung benötigen um das Top-Niveau meines Kollegen zu erreichen. Aber bereits jetzt spare ich sehr viel Zeit beim Erlernen eines neuen Stückes resp. kann mehr Repertoire auf einmal bewältigen.

2. Tonleitern und Arpeggios üben: Da ein grosser Teil der Musik auf Tonleitern und Arpeggios basiert, spart es viel Zeit, alle möglichen Tonleitern in allen Tonarten zu beherrschen. Die einfachen Tonleitern über vier Oktaven, Oktavtonleitern und chromatische Tonleitern sind der Anfang. Etwas schwieriger aber genauso nützlich sind Terzen und Sexten. Ich denke, dass 15 min konzentriertes Tonleitern-Üben sehr sinnvoll ist. Zur Zeit arbeite ich vor allem an meinen Terzen in höheren Lagen, da ich dort die grössten Schwächen habe.

3. Aufnahmen hören / Videos ansehen: Um die Blattspielpraxis nicht zu untergraben sollte man bei einem neuen Stück Aufnahmen und Videos erst hören / ansehen, wenn man das Stück einmal am Instrument vom Blatt durchgespielt hat. Dann aber lohnt es sich in jedem Fall, da man dadurch eine Klang-Vorstellung kriegt, die einem beim Üben den Weg leitet. Man spart enorm viel Zeit und erreicht bessere Resultate.

4. Nur an den Stellen arbeiten, die man noch nicht kann: Die Verlockung ist gross, die leichteren oder bereits gelernten Stellen immer wieder durchzuspielen. Das ist aber nicht effizient. Wenn man wenig Zeit zur Verfügung hat, sollte man immer zuerst die schwierigen Stellen üben. Generell sollte man beim Üben mehr an seinen Schwächen als an seinen Stärken arbeiten.

5. Gute Fingersätze benützen: Klar soll ein Fingersatz immer gut klingen. Aber wenn man eine Stelle aufgrund eines schwierigen Fingersatzes nicht zuverlässig und sauber spielen kann, dann klingt sie sowieso schlecht. Oft zahlt es sich also aus, einen einfacher zu spielenden Fingersatz zu verwenden, weil man dafür weniger üben muss und das Resultat besser ist. Konkret muss man beispielsweise immer prüfen, ob eine Stelle nicht leichter in der vierten statt der ersten Lage zu spielen ist oder ob die Daumenlage eine Stelle vereinfacht. Insbesondere die vierte Lage ist sehr nützlich. Für mich ist es z. B. gerade im Orchester viel sicherer, bei einem Einsatz ein Fis auf der G-Saite mit dem vierten Finger in der vierten Lage zu greifen, anstatt es mit dem 3. Finger in der ersten Lage auf der D-Saite zu versuchen. Auch Flageolete sollte man ausnützen, ausser sie stechen in einer Kantilene arg heraus.

Bei Sprüngen ist es häufig leichter, über die Saiten zu spielen, anstatt einen grossen Lagenwechsel zu machen. Schnelle Stellen sind auch in hohen Lagen immer leichter über die Saiten (in einer Hand) zu spielen anstatt mit vielen Lagenwechseln.

6. Gute Bogenstriche verwenden: Gerade bei Komponisten, die von Haus aus Pianisten waren, muss man nicht jede Phrasierung als Bogenstrich ernst nehmen. Manchmal ist es leichter, wenn man mehr teilt und erhält dadurch auch mehr Klang. Die vom Komponisten gewünschte Phrasierung kann man trotzdem realisieren.

7. Langsam üben: Es wirkt verkehrt, aber wenn man schnelle Fortschritte machen will, dann muss man langsam üben. Es hat keinen Sinn, schnell, aber fehlerhaft zu spielen, da so nur die Synapsen im Gehirn falsch verlötet werden. Langsam und korrekt bringen einen sicher und schnell ans Ziel. Mehr Tipps zum effizienten Üben hier.

8. Bleistift immer bereit halten: Wer beschlossene dynamische Anweisungen, Tempo- und Agogik-Hinweise, sowie Fingersätze und Striche sofort in die Noten einschreibt, spart viel Zeit nach dem Sprichwort: Der schwächste Bleistift ist stärker als das beste Gedächtnis. Fingersätze sollte man allerdings nur bei eigenen Projekten einschreiben. Dies, weil im Orchester immer zwei Musiker eine Stimme benützen und nicht alle den gleichen Fingersatz benützen. Es kann sehr stören, wenn in einer schwierigen Stelle ein anderer Fingersatz steht als der, den man benützt. Bonus-Tipp: Einen weichen Bleistift verwenden (z. B. 4B). Einzeichnungen sind schneller und genauer gemacht, da man weniger drücken muss und sind auch besser lesbar, da fetter und schwärzer.